Liebe Freunde von Direkthilfe,
während wir uns mit unseren Projekten beschäftigen und an ihrem Erfolg arbeiten, sind natürlich auch Entwicklungen in Pakistan und in der Entwicklungshilfe die unsere Arbeit nicht direkt beeinflussen in unserem Blickfeld. Explizit bin ich darauf vor über einem Jahr eingegangen und möchte das nun angesichts von Vorkommnissen der letzten Monate wiederum tun.
Die Mortenson Debatte
Im April gab es rund um Greg Mortenson, einen Amerikaner, der in erster Linie durch sein Buch Three Cups of Tea bekannt wurde, eine heftige Kontroverse. Da dessen Spender meist aus den USA kommen, er auch auf die politischen Entscheidungsträger einen großen Einfluss übte (Obama spendete ihm 100 000 US$ seines Nobel Preises, seine Bücher sind Required Reading in der US Armee) und die Blog Szene vor allem in den USA aktiv ist, spielte sich diese vor allem dort ab. Wenn auch in kleinerem Maßstab, wäre ein ähnliches Szenario aber genauso in Europa denkbar.
Ursprünglich mit offensichtlich frei erfundenen Stellen über seinen Abstieg vom K2, den er in seinem ersten Buch beschreibt (das bereits vor Jahren erschien und auch schon länger in Deutsch vorliegt), konfrontiert sah er sich nach einer CBS Sendung (60 Minutes) mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die Schulen die er gebaut hatte zu einem Grossteil nicht in Betrieb sind, ein Grossteil der Spenden in exorbitanter Administrative versickern und offensichtlich nicht nur seine K2 erfunden war. Der Vorwurf an dem sich alles aufhängte und der zur Kontroverse führte war bezeichnenderweise lächerlich, aber auch einfach nachprüfbar - seine Geschichte, er hätte im Delirium alleine den Baltoro Gletscher überquert ist lächerlich, im Grunde aber ein "si non è vero, e ben trovato" Fall - bis zur Enthüllung durch Jon Krakauer hatte es niemand gestört, weil sich auch niemand der Spender wohl wirklich mit der Thematik auseinandersetzen wollte (etwas Google Earth + Hausverstand hätten gereicht). Seine anderen erfundenen Geschichten (er bezeichnete irgendwelche Pakistanis auf seinen Fotos als Taliban, die ihn entführten um die Geschichte spannender erscheinen zu lassen) waren da schon weitaus problematischer und trugen ihm Klagen ein. Gelyncht wurde er jedoch in erster Linie für einen Bericht, dass seine Schulen gar nicht richtig geführt werden - CBS besuchte eine halbe Handvoll, in einer wurde Spinat gelagert. Der Aufschrei war groß, einen wirklichen Schluss auf die Effizienz aller seiner Schulen (über 100 in Afghanistan und Pakistan) kann man daraus aber nicht ziehen. Unsere Schulen im Kashmir wurden in den Ferien von Tablighis als Herberge benutzt - eine Organisation, deren Mitgliedschaft mangels Wissen in Guantanamo als Haftverschärfung gilt (wie im Fall des Deutschen Murat Kurnaz). Würde Direkthilfe in Mortenson s Dimensionen spielen und das veröffentlicht werden, könnten wir zusperren - ohne, dass irgendjemand wirklich verstehen wollte was die Bedeutung von Schulgebäuden im Kashmir oder Tablighi-Jamaat wirklich für Hintergründe haben.
Ich glaube kaum, dass Mortenson s Initiative eine Verteidigung verdient hat. Seine überdimensionierte PR Strategie hatte längst eine Verständnis-Verbindung zwischen den Spendern, die seine Arbeit erst ermöglichten und den Zielgruppen dieses Geldes verunmöglicht. Als erste plötzlich ein etwas anderes Bild seiner Arbeit präsentiert bekamen (ähnlich populistisch präsentiert wie seine eigene Narrative) fielen sie aus allen Wolken (hier geht es um $ Beträge jenseits der 9 Stellen). Mittlerweile ist die ganze Geschichte schon wieder vergessen - bis das nächste mal eine imaginär humanitäres Kartenhaus zusammenbricht. Mir ist es wichtig, während unserer Arbeit in Pakistan auch das Verständnis für Probleme vor Ort zu fördern. Auch das Verständnis dafür, dass man sich mit Spenden nicht freikauft sondern Entwicklungen beeinflusst, und damit Verantwortung übernimmt.
Ich habe mich mit dieser Debatte schon auf Rugpundits beschäftigt.
Internationale Gelder nach Pakistan - die politische Dimension
In der westlichen medialen Narrative ist im Fall von international finanzierten Projekten der Schuldige selten der international donor wie im Fall Mortenson. Meist, wie im Fall der Überschwemmungen sogar schon im Vorhinein, wird die Unterstützung von Pakistan verurteilt - der Staat ist nicht vertrauenswürdig, er erfüllt, wie im Fall WarOnTerror, die gestellten Erwartungen nicht, radikale Gruppierungen werden gefördert. Besonders aktuell wurde, dass wieder nachdem Osama bin Laden in Pakistan von US Navy Seals exekutiert wurde und die USA vor wenigen Tagen die Militärhilfe stoppte. Wie in diesem Guardian Artikel schnell ersichtlich ist ein Grossteil der finanziellen Mittel die nach Pakistan fliessen militärischer Natur - das hat unter anderem dazu geführt, dass die Armee sich immer mehr als Player in der freien Marktwirtschaft etablieren konnte und heute ganze Stadtteile selbst führt, unantastbar von der zivilen Administrative. Das pakistanische Volk (wenn es nicht zur Armee-Elite gehört, und das ist beim Grossteil der Bevölkerung der Fall) leidet unter diesen Förderungen und auch die zivile Regierung profitiert kaum von diesen Geldern, sieht seine Arme nur von der weitaus einflussreicheren Armee gebunden. Der Schluss, erhöhte Förderung sollte doch bitte auch gleich zu positiven Reaktionen in der Bevölkerung führen ist ganz einfach falsch. Von den zivilen Förderungen der USA sieht man in der Öffentlichkeit kaum etwas.
Auch zu diesem Thema mehr auf Rugpundits.
Die pakistanisch-afghanische Grenze
Durch unsere Ambulanz in Baghbanan sind wir mit unserer Arbeit näher an den Krieg in Afghanistan (der auch schon längst ein Krieg in Pakistan ist) gerückt. Das Flüchtlingslager Shamshatoo, aus welchem viele Patienten in unsere Ambulanz kommen gehört de facto Gulbuddin Hekmatyar, einem der größten Warlords in Afghanistan, der bis heute Mujaheddin von hier bezieht, die dann meist wohl in Afghanistan selbst (er hat ansonsten in Pakistan wahrscheinlich keinen großen Rückhalt) gegen die westlichen Truppen und die Zentralregierung kämpfen. Die Gegend um das Lager ist zwar offiziell unter Regierungskontrolle, ihr Einfluss ist jedoch schwach und sie wird als gefährdet eingestuft was eine mögliche Übernahme durch Taliban oder andere extremistische Gruppen betrifft. Die Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil der afghanischen Patienten im Sommer voraussichtlich ausbleiben deutet auf eines der großen Streitpunkte zwischen dem Westen und Pakistan hin - der Grenzregion als Rückzugsraum der Taliban, da sie von Pakistan unzureichend kontrolliert wird. Viele afghanische Flüchtlinge kehren im Sommer nach Afghanistan (meist in Grenzprovinzen zu Pakistan) zurück um dort ihr Vieh in den Bergen zu hüten. Es ist schier unmöglich bei derart großen Bewegungen zwischen Taliban und Nicht-Taliban zu unterscheiden (wenn es bei einzelnen Personen den westlichen Truppen schon schwerfällt, weil die Gruppierungen bis heute nur äußerst schlecht verstanden werden). Auch kommen immer wieder Familienmitglieder von Flüchtlingen zur Behandlung aus Afghanistan in die Ambulanz, das scheinbar ohne größere Probleme. Schon allein die Tatsache, dass Flüchtlinge auf Sommerfrische nach Hause zurückkehren, wo gerade der Sommer als fighting-season gilt, zeigt wie kompliziert die Lage vor Ort, für uns meist unverständlich, ist. Und politische wie militärische Entscheidungsträger wissen es meist nicht besser.
Ich freue mich über Fragen und Rückmeldungen.
Jakob