Zur etwa gleichen Zeit haben wir, Andreas und Jakob, hier unabhängig voneinander begonnen unsere Gedanken zum Thema Helfen niederzuschreiben. Nach den ganzen Erlebnissen, den Schwierigkeiten, den schönen und motivierenden Tagen hatten wir das Bedürfnis unsere Gedanken zu ordnen. Warum helfen wir hier? Wie viel bringt unsere Arbeit wirklich? Was machen Hilfsorganisationen falsch, ja wo schaden sie dem Wiederaufbau sogar mehr, als dass sie dem Land helfen? Und wer kann das alles überhaupt beurteilen?
Die Bereitschaft von internationalen NGOs einem Fahrer 660 € im Monat zu zahlen wo er normalerweise nur 66 € verdient zerstört die Preise und macht bestimmte Dinge für Einheimische unbezahlbar. Immobilienpreise sind in Orten wo NGOs ihre Hauptsitze haben exponentiell gestiegen, manche Menschen müssen übersiedeln weil sie sich die Miete plötzlich nicht mehr leisten können. Da sich diese Organisationen nicht mit der lokalen Situation befassen sondern nur darauf fixiert sind ’zu helfen’ machen sie oft mehr kaputt als sie selbst aufbauen können.
Für viele NGOs bedeutet helfen=geben. In Bir Pani sitzen die Menschen 3 Tage am Straßenrand und warten auf Mehllieferungen und Gaskartuschen, die verteilt werden. Auch 10 Monate nach dem Erdbeben haben viele noch nicht gelernt für sich selbst zu sorgen und sich selbst zu helfen. Auch wenn sich offiziell der Begriff Entwicklungshilfe zu Entwicklungszusammenarbeit gewandelt hat – viele glauben noch immer mit Materialverschiebungen am Computer die Menschen am besten zu unterstützen. Hier lernen die Kashmiris zu nehmen und selbst nichts geben zu müssen. Wenn ihnen dann niemand ein neues Haus hingestellt hat werden sie den Winter wieder im Zelt verbringen.
Es ist für uns oft sehr mühsam an einer Schule zu bauen während die Dorfgemeinschaft im Bazaar bei einem Tee sitzt. Oft helfen uns die Menschen nicht einmal wenn wir sie darum bitten – mit dem Nachsatz, dass das ihre und nicht unsere Schulen sind. Als Andreas einen Mann auf der Strasse dazu motivieren wollte beim Schulbau einen Nachmittag mitzuhelfen meinte der ’Nein, er komme aus dem Dorf auf der anderen Talseite, ihn gehe wohl ein Schulbau hier gar nichts an.’ ’Weißt du wo mein Dorf ist?’, meinte darauf Andreas. Die Leute schauen und gehen weg. Auf der Strasse begrüßen einen die Leute immer sehr herzlich, wenn man sie dann fragt ob sie nicht kurz bei der Schule mithelfen können, bei der Schule die ihren Kindern einen guten Unterricht ermöglichen wird, sind sie schnell wieder verschwunden. Aber dann denken wir darüber nach warum die Menschen so desinteressiert sind. Ist es Faulheit, Resignation? Oder einfach nur Vertrauen in Gott, dass es eh so wird wie es werden soll? Wir wissen es nicht genau. Die Tatsache, dass noch immer Nahrung, Gas und ähnliches einfach so verteilt wird spielt sicher eine Rolle. Auf der anderen Seite merken die Leute aber jetzt, dass die Zahlungen der Regierungen nicht kommen. Und dass sich das mit dem Haus dann wohl doch nicht ausgehen wird.
Wie den Menschen wirklich helfen? Bringt es vielleicht manchmal mehr dem Mann an der Straßenseite zuzuhören als ihm einen Stapel Plastikstühle zu schenken? Ist die Idee die wir in Europa vom Helfen haben in anderen Kulturen so umsetzbar? Wahrscheinlich nicht.
Gestern haben wir endlich das Material für die nächsten Schulen bekommen. Mit einer Woche Verspätung ist es in Bagh angekommen, unser Plan hat sich sehr verändert und es wurde so gut wie unmöglich unser Projekt Schulbau im geplanten Zeitrahmen abzuschließen. Wir haben Flexibilität zu unserem Motto erklärt. Aber es ist oft deprimierend zu merken wie nichts weitergeht und man sich auf keine Abmachungen verlassen kann. Die Firma die unsere Schulfertigteile herstellt ruft am fixierten Liefertag an, es gebe Probleme bei der Produktion, es werde noch dauern. Außerdem werden die Arbeiter erst später geschickt.’ Ungläubig sitzen wir da. Und sind zum Warten verdammt. Andere Projekte wie die Traumastudie oder die Möbelproduktion beschäftigen uns einstweilen.
Gestern konnten wir auch die erste Schule mit einem Schriftzug versehen, was das Gebäude anbelangt ist die Schule fertig. Jetzt fehlen noch die Möbel, dann kann der Unterricht wieder beginnen.
Unsere Schulräume sind 4.5m x 7.5m x 2.5 m groß. Die Wände bestehen aus zwei Blechschichten die mit Styropor gefüllt sind und als Isolierung dienen. Diese Wände werden innen und außen in beiger Farbe angemalt, gemeinsam mit den Kindern finden wir hoffentlich noch die Möglichkeit sie schön zu bemalen. Diese so genannten Thermopol Wände stehen auf einer Steinwand, die mit Beton befestigt ist. An 7 Stellen ist das ganze Gebäude mit Stahlhaken im Boden verankert. Das ganze Gebäude ist von einem halbkreisförmigen Dach bedeckt das aus Wellblech zusammengestellt ist. Unsere erste Schule hat ein rotes Dach – das haben sich die Kinder gewünscht - die anderen ein hellblaues. Innen ist noch eine Decke eingezogen. Je nach Klassenanzahl und Größe können wir die Räume teilen und zwei Klassenzimmer machen, bei den großen Schulen sind bereits 2 Türen integriert. An den Längsseiten liegen je zwei Fenster, die noch verglast werden. Jetzt beginnen wir die Umgebung der Schule zu verschönern, Wege zu bauen, die Toiletten werden auch begonnen.
Es ist interessant zu beobachten, wie wir uns langsam immer mehr einleben. Die Leute in Bagh kennen uns, wir haben viele neue Freunde gefunden und wir lernen, wie man hier arbeitet, lebt, isst und sich unterhält. Wir wechseln von UN-Meetings und Dorf-Motivationsrunden zu Arbeitsnachmittagen, an denen wir Kashmiri-Steinmauern bauen.
Die nächste Woche wird wahrscheinlich (hoffentlich) sehr anstrengend – die Arbeiter kommen und die restlichen Schulen werden geliefert. In der Zwischenzeit beginnen wir mit unserem Freund und Tischler Zahid eine Schule in lokaler Bauweise mit Holz und Wellblech zu bauen...
Mit lieben Gruessen und Milchtee im Bauch
Andreas und Jakob