"Schulen, Saatgut und Wahlen"
Es ist Samstag morgen, wir sitzen in unserem improvisierten
Office/Schlafraum (einem Holz-Shelter mit Wellblech) in Bagh und
verbringen den ersten Morgen vor den Computern. Normalerweise waren
wir in den letzten Tagen um diese Zeit schon in einem Dorf um uns
ein genaues Bild von der Situation zu machen. Heute warten wir noch
auf die Bauingenieure aus Faisalabad die unseren Schulbau leiten
werden. Gestern konnten wir bereits die ersten Fertigteile für
7 Schulgebäude in 3 Dörfer bringen. Mit Traktoren fahren
wir auf Strassen, die immer noch so aussehen wie nach dem Erdbeben,
Teile sind weggebrochen, immer wieder rumpeln wir über Spalten
die sich durch den Asphalt ziehen. Aber die Arbeit geht schnell
voran.
Das Material für unsere ersten 7 Schulen ist damit bereits
am Konstruktionsort, 10 weitere Schulgebäude werden Anfang
August kommen. So wie es aussieht können wir bald weitere 10
bestellen die wir dann noch vor dem 1.September fertigstellen. In
3 verschiedenen Gemeinden haben wir bereits eine genaue Bestandsaufnahme
gemacht, wo wir unsere Arbeit konzentrieren werden. Besonders Schulen
die weit weg von der Straße stehen finden selten Beachtung
von den NGOs. Wir versuchen in diesen Dörfern gute Kontakte
zu knüpfen und mit der Bevölkerung gemeinsam zu entscheiden,
wie wir das neue Schulgebäude wieder aufbauen können.
Die Dorfbewohner müssen den Platz wo die Schule früher
gestanden ist selbst aufräumen, sie helfen uns beim Abladen
der Traktoren und werden beim Aufbau der Schule auch dabei sein.
Nachdem die Schule als Rohbau steht werden wir mit ihnen gemeinsam
die Klassenzimmer einrichten und den Platz um die Schule als schönen
Schulgarten und Pausenhof gestalten. Wie beim Bau ihrer Häuser,
wo wir sie unterstützen werden, übernehmen sie so viel
von der Arbeit und dem Material wie ihnen möglich ist. Erdbebensichere
Fundamente, Stahlrahmen und einen Baumeister stellen wir ihnen zur
Verfügung. So können sie ihre eigenen Häuser bauen
und übernehmen dafür auch Verantwortung.
In manchen Orten
spüren wir schon, dass die Leute lieber Tee trinken und darauf
warten bis wir ihnen ein Haus hinstellen. Ein junger Mann meint: "Ihr habt uns die Shelter hingestellt, jetzt könnt ihr sie
auch zu Häusern erweitern". Wir sitzen etwas perplex da. Was
sollen wir da sagen?
In anderen Dörfern ist die Situation ganz anders. Als wir
gestern für eine Schule das Material abladen wollten sind schon
20 Männer um uns herumgestanden, die die Arbeit übernommen
haben. Irshad der in diesem Dorf unser Partner ist umarmt uns in
der früh und bedankt sich für die Arbeit, die wir hier
machen. Er hat sich gerade für das Freitagsgebet vorbereitet,
danach verspricht er uns mit dem ganzen Dorf zu helfen. Und das
tut er dann auch. Uns freut das immer sehr, wenn wir sehen wie sich
die Leute freuen und wie motiviert sie sind selbst etwas zu tun.
Am Rueckweg von Bir Pani treffen wir am Strassenrand Frauen, die
gerade ein Feld bestellen. Wir bleiben stehen und fragen sie nach
der Situation der Felder. Am meisten wird hier Mais und Getreide
angebaut, der Mais vor allem als Tierfutter verwendet. Tomaten und
Blumenkohl, auch verschiedene Salatsorten sind sehr beliebt. „Gurken
waeren sehr gut, aber das letzte Mal ist nichts gewachsen. Die ganze
Arbeit umsonst“ erzaehlt uns eine Frau. Gemeinsam beschliessen
wir, dass wir unsere mitgenommmenen Samen testen. Wir gehen die
Beschreibungen in Urdu genau durch, die Art der Graben am Feld,
die Abstaende zwischen den Samen fuer Zucchini, Blumenkohl, Gurken,
Tomaten und Kohl. Am naechsten Tag sollen wir wieder kommen, sie
bestellen dann die Felder und wir schauen, ob und wie das Gemuese
aufgeht. In der Zwischenzeit haben wir unsere Freunde in den einzelnen
Doerfern gerfragt, Listen zusammenzustellen von Familien die Felder
haben und diese bestellen wollen. Sobald wir sehen welche Samen
gewuenscht sind und gut wachsen, starten wir die Verteilung.
Am Dienstag sind Wahlen im Kashmir. Seit zwei Monaten wird jeden
Tag davon geredet. Drei Spitzenkandidaten in Bagh, einer von der
Armee, ein islamischer Vertreter und ein Politiker der Pakistan
Peoples Party kaempfen um den Titel. In einem unserer Doerfer „arbeiten“
alle Maenner jeden Tag fuer den Wahlkampf (rumsitzen, reden, diskutieren,
Tee trinken). „Bis zum 11.Juli. sind wir beschaeftigt –
danach helfen wir gerne“ heisst es, „vor allem wenn unser
Kandidat gewinnt“. Jeden Tag gibt es Umzuege auf den Strassen,
Wahlplakate uebertrumpfen die NGO Plakate und Poster. Wir planen
die Tage um die Wahl in kleinen Doerfern zu verbringen und mit unserem
Schulbau fortzufahren.
Mit lieben Gruessen aus Bagh,
Andreas und Jakob
info@direkthilfe.at
Download:
Direkthilfe Flugblatt Sommer 2006
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